Mit uns angekommen sind drei Französinnen, die auch in unserer Pension wohnen. Odile sammelt ihre Schäfchen ein und treibt uns zum Parkplatz. Mit all unserem Gepäck wird es eng in Odiles Toyota, aber es paßt irgendwie und die Fahrt zur Pension ist sowieso nur kurz.
Die Pension hat sich in den letzten zwei Jahren fast nicht verändert. Wir bekommen ein komfortableres Zimmer als beim ersten Aufenthalt und packen erstmal aus. Auch das W-LAN ist gleichermaßen dürftig, nur an einer bestimmten Stelle des Haupthauses hat man wirklich guten Empfang.
Wir teilen den Tip mit den drei Mädchen, die handytechnisch schon ein bißchen entzügig aussehen. Alle drei sind nett, sprechen aber so rasend schnell und verschliffen, wie Franzosen das meistens tun bis sie die 40 hinter sich gelassen haben, so daß ich mich erstmal einhören muß.
Beim Abendessen erzählen wir uns, wo wir schon überall im Französisch Polynesischen-Territorium waren. Die drei haben ein straffes Programm, da bleibt für jede Insel nur eine geringe Anzahl von Tagen. Meins wäre das nicht, aber sie sind ja auch noch jung und energiegeladen.
Odile erzählt, ihre Schwester lebe auf Ua Pou, eine Insel der Marquesas, die wir gern irgendwann noch besuchen würden. Nur auf die Inselgruppe der Gambiers, die an sich wunderschön sein soll, möchte ich nicht so gern, da einfach nicht so ganz sicher ist, welcher radioaktiven Strahlung man dort noch ausgesetzt ist.
Als ich das sage, gibt es einen seltsamen Aha-Moment am Tisch. Eine der drei jungen Frauen fragt mich, warum es denn auf diesen Inseln strahle, und ich stutze kurz und denke, daß es doch nicht sein kann, daß sie das nicht weiß, bevor mir klar wird, daß das möglicherweise kein ausgiebig behandeltes Thema im französischen Geschichtsunterricht ist.
https://www.deutschlandfunk.de/frankrei ... ts%20statt.
Als Jugendliche in den 80er Jahren bin ich in Frankreich häufiger und später als Erwachsene in anderen Teilen der Welt gelegentlich, zwar nie massiven Anfeindungen, aber doch Sticheleien und Gehässigkeiten wegen meiner deutschen Herkunft und der dazugehörigen Geschichte begegnet. Also will ich versuchen, es jetzt besser zu machen, und formuliere möglichst sachlich und neutral, was es mit den Atomtests der Franzosen im Pazifik auf sich hatte. Es gibt trotzdem einen Augenblick unbehaglichen Schweigens am Tisch, der aber schnell verfliegt, als es wieder ums Wetter geht.
Morgen schon soll der große Regen kommen. Wir wissen zwar, daß solche Wetterzellen meist nur wenige Tage bleiben, aber für die Mädels, die nur zwei Tage hier haben, bevor sie wieder nach Tahiti müssen, ist das nun doppelt blöd. Nicht nur, daß der kurze Aufenthalt vermutlich vollends ins Wasser fällt, dazu kommt noch die Sorge, ob der Rückflug dann überhaupt stattfindet, denn die kleinen Maschinen landen bei Starkregen nicht.
So bricht die Gruppe am nächsten Tag bei noch relativ gutem Wetter früh auf. Da Odile und ihr Mann nur ein größeres Boot haben, hat die Lagunentour der Mädchen Vorrang und wir machen unsere Inselumrundung später, wenn überhaupt. Auch auf den Mont Hiro, die höchste Erhebung Raivavaes, werden wir nicht steigen können. Dort hinauf zu kommen ist zwar kein richtiges „Bergsteigen“, aber eine steile Wanderung, bei der man sich zum Teil an Halteseilen hochzieht. Der Abstieg würde halsbrecherisch rutschig, wenn wir dort in den Regen kämen. Gerade ich bin alles andere als eine Bergziege und möchte von daher kein Risiko eingehen. Also leihen wir uns zwei Fahrräder und nutzen die verbleibenden trockenen Stunden, um ein bißchen auf der Küstenstraße zu radeln.
Anfangs ist es noch schön, die Sonne lugt durch die Wolkenlücken. Wieder einmal fahren wir beim lokalen Imker vorbei und erst nach der Reise fällt mir ein, daß ich mir den besonderen und seltenen Honig von Raivavae kaufen wollte.
Taro-Feld
Das die Straßenränder säumende moosartig wirkende Gras ist überhaupt nicht so kuschelig wie es aussieht, sondern ganz hart und borstig.
Der konstante Südostmonsun läßt dann irgendwann die Wolkenberge am Horizont erscheinen und es wird Zeit, umzukehren.
Der Regen kommt pünktlich wie angekündigt und dann regnet es zwei Tage lang ununterbrochen durch. Der Regen steht wie eine graue Wand rings um uns herum und auch die Eidechsen suchen Schutz unter dem Dach
Ist es nicht iyllisch?
So stellt man sich einen Südseeaufenthalt vor, oder?
Schon beim ersten Aufenthalt hatten die Hofhunde sich an den Mister angeschlossen, wann immer er auf Fototour aufbrach. Hurra, ein Mensch verläßt das Gelände, Spaziergang! Der jüngste der Hunde, Maito, schien den Mister nach zwei Jahren sofort wiedererkannt zu haben, begrüßte ihn freudig und leistet uns von Stund an auf unserer Terrasse Gesellschaft.
In Regenpausen laufen die beiden gemeinsam los bis ins Nachbardorf. In der Kirche singt die Gemeinde, egal wie es regnet oder stürmt. Da sind die Nationen der Südsee alle gleich. Solange die Kirche noch steht, fällt der Gottesdienst nicht aus, und wenn man über den Kirchhof schwimmen muß!
Und der kleine Giftzwerg sorgt dafür, daß er nicht gestört wird! Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst, vor allem angesichts des viel größeren Maito.
Am Straßenrand gibt es kleine Überraschungen zu bestaunen:
Chinesische Lilie
In den Entwässerungsgräben entlang der Straße leben Winkerkrabben, die nach dem ablaufenden Wasser erstmal wieder Luftholen kommen. Solange man sich nicht bewegt, winken sie freundlich mit ihrer großen Schere, aber wenn sie Angst bekommen, sind sie blitzschnell verschwunden.
Am übernächsten Tag läßt der Regen etwas nach. Alle sind erleichtert, die Mädchen, weil ihr Flug zurück nach Tahiti planmäßig geht, und wir, weil wir einkaufen fahren können, ohne bis auf die Knochen naß zu werden.
Die Einkäufe aus Mo’orea müssen noch um einiges ergänzt werden. Wir benötigen vor allem Konserven, Erbsen, Champignons, Dosentomaten, Mais. Dazu frische Zwiebeln. Odile gibt uns Obst mit, aber wie beim letzten Mal gibt es leider auf der ganzen Insel keine Kartoffeln. Nun gut, dann eben Reis und Nudeln. American Cheese und Soße haben wir ja. Zuguterletzt zwei Flaschen Wein, aber am allerallerwichtigsten: Trinkwasser. Wir rechnen großzügig 6 Liter pro Tag für beide, zum Kochen habe ich abgefülltes Leitungswasser in Kanistern. Zum Abduschen und für die Toilettenspülung gibt es (nicht trinkbares) Wasser aus einer Zisterne.
Am Laden angekommen, ist der Anblick beeindruckend. Nach dem tagelangen Regen laufen hinter dem Laden unzählige Wasserfälle aus den Bergen.
So schön das aussieht, sind wir dennoch froh, als es sich am Tag vor unserer Abreise auf den Motu endlich aufklart.
Die Morgensonne läßt die Bananenstauden leuchten.
Wer sich fragt, warum die da über dem Wasser hängen: Das dient dem Schutz vor Fraß durch Tiere. Die Bananen werden vorm Aufhängen auch einmal ins Salzwasser getaucht, das hält Schädlinge ab.
Am letzten Abend sind wir also wieder allein in der Pension. Odile leistet uns beim Abendessen Gesellschaft und wir erfahren einiges Neues. Auch, daß die Zukunft der Pension unsicher ist, was uns rückblickend noch in unserer Entscheidung bestärkt, hergekommen zu sein. Zumindest derzeit möchte keine der Töchter die Pension übernehmen, und der Sohn, der in Papeete Mechaniker bei Toyota ist, schon gleich gar nicht.
Das, was wir als zivilisationsmüde Europäer an der Südseeidylle so lieben, ist den hier Geborenen eben Alltag und langweilig. Kein Jugendlicher, der eine Chance hat, woanders hinzugehen, bleibt auf Raivavae. So ist es ja fast überall. Für die polynesischen Jugendlichen ist die Verbundenheit mit Frankreich daher auch eine große Chance, viele nutzen als Sprungbrett die Armee, um von den Inseln fortzukommen.
Und wir wollen unbedingt genau da hin, von wo die einheimische Jugend flüchtet. Schon seltsam. Bei unserem letzten Aufenthalt lebte die jüngere Tochter noch im Haushalt und mußte ihr Handy rausrücken, damit wir von der Insel im Notfall Hilfe rufen konnten. Diesmal gibt es nun kein Handy im Haushalt mehr, das entbehrt werden könnte, so daß Terani, Odiles Mann, alle zwei Tage nach uns sehen kommen wird, ob es uns gutgeht. Wir werden also entsprechend vorsichtig agieren müssen beim Öffnen der Kokosnüsse und allem anderen. Was die Verpflegung angeht, ist der Kontrollbesuch alle zwei Tage nur von Vorteil für uns, denn das bedeutet jedesmal frische Obstlieferungen. Wir werden diesmal also deutlich gesünder essen als beim letzten Mal.
Denn wenn man sich mal so anschaut, was wir da vor der Abfahrt so ins Boot laden, das ist schon alles ziemlich vitaminbefreit.
Aber wir wollen es ja so. Der Preis, den man für die Robinsonzeit zahlt: Unter beschränkten Umständen kochen, mangelnde Hygiene, primitive Unterbringung. Dafür die Einsamkeit an einem der schönsten Flecken der Erde, eine Umgebung, für die man auf anderen Inseln tausende von Euro hinlegen muß, werden wir 10 Tage für uns ganz allein haben. Das ist der wahre Luxus.
Am letzten Abend sind wir wie immer aufgeregt. Der Mister, der sich entweder auf Mo’orea bei mir angesteckt oder bei dem Dauerregen hier erkältet hat, schnieft und hustet, aber ist fit genug für die Insel. Wir hoffen so sehr, daß das Wetter hält.
Dem Beispiel meiner Mutter folgend, die das immer tut, wenn gutes Wetter benötigt wird, bitte ich insgeheim die Altvorderen um Unterstützung. Sollten sie da oben irgendwo auf Wolken sitzen, dann sollen sie jetzt mal alle kräftig schieben.
Und das klappt, die Wetterzelle mit der orangenen Warnung ist weitergezogen. Als wir am nächsten Morgen aufstehen, ist der Himmel strahlend blau mit ein paar Schäfchenwolken. Die Lagune leuchtet, wie es sich für eine Südseelagune gehört.
Und dann geht es los.
Wir passieren Motu Vaiamanu, den größten Motu der Lagune
Auf halber Strecke hält Terani das Boot an, damit der Mister ein bißchen in Ruhe filmen und fotografieren kann.
Und dann nur noch wenige Minuten und es liegt direkt vor uns: Motu Rani.
Terani ankert das Boot und wir laden gemeinsam aus. Wir können es kaum glauben, daß wir wieder hier stehen, mit Blick auf Raivavae auf der anderen Seite der Lagune. Bei uns hat noch überhaupt keine Gewöhnung an diese Umgebung eingesetzt. Es ist traumhaft schön.
